Inhaltsliste
ARCHIV GEWISSENSFREIHEIT
1996 - 2022
herausgegeben von Paul Tiedemann

0. Gewissensfreiheit allgemein
0.4 Psychologische Literatur
Zur Startseite


Bernhard Hassenstein
Gewissen in der biologischen Anthropologie
in: Stimmen der Zeit 2009 Heft 11, S. 761-773

Die biologische Anthropologie geht u.a. den in der biologischen Natur des Menschen verankerten Grundlagen dafür nach, dass Kinder und Erwachsene - idealtypisch betrachtet - mit einem Gewissen ausgestattet sind und nach dessen Weisungen handeln können. (S. 761)

Die Fähigkeit zur Gewissensbildung entsteht im Laufe der kindlichen Entwicklung. Grundlegend ist insoweit das Stufenmodell des moralischen Urteilens von Lawrence Kohlberg (vgl. Die Psychologie der Moralentwicklung, Frankfurt 1996), das von Doris Bischof-Köhler (vgl. Spiegelbild und Empathie, Bern 1989) in wichtigen Hinsichten weiterentwickelt worden ist. Danach lassen sich sechs "Steuerungsebenen der mitmenschlichen Einbildung" unterscheiden. Von einer Gewissensbildung lässt sich ab der Stufe 3 sprechen, auf der Kinder die Fähigkeit zum Mitempfinden erwerben. Sie vermögen auf den Ausdruck emotionalen Unbehagens bei anderen Personen mit Zeichen des Mitgefühls, aber auch mit Gesten des Tröstens und Helfens zu reagieren. (S. 762) Auf der vierten Ebene ("Einfühlung") können Kinder sich die emotionale Situation anderer innerlich vergegenwärtigen, ohne zuvor emotionale Signale wahrgenommen zu haben. Das Kind kann sich jetzt in andere Personen hineinversetzen, also deren Perspektive übernehmen. Auf der fünften Ebene, die durchschnittlich nach dem vierten Geburtstag erreicht wird, vermag sich das Kind in andere Personen "hinein zu denken". Es nimmt jetzt nicht nur die Perspektive anderer Personen im Gefühl ein, sondern es vermag jetzt auch die Vorstellungswelt anderer gedanklich zu rekonstruieren. Auf der sechsten Ebene konstruiert das Kind abstrakte Regeln, etwa die Regeln, die beachtet werden müssen, damit gemeinsames Spielen gelingen kann. (S. 763)

Auf allen Ebenen der Verhaltenssteuerung ist es möglich, bestimmte Verhaltensoptionen im Konflikt mit anderen Triebfedern als "Auftrag des Gewissens" zu empfinden. (S. 764) Der Inhalt dessen, was Menschen als Weisung des Gewissens erleben, ist allerdings nicht bestimmt, sondern von Natur aus beliebig. (S. 765)

Auf der biologischen Ebene lässt sich nur feststellen, dass es eine Instanz der Entscheidung ("Höchstwertdurchlass") gibt, vor der sich entscheidet, welche Handlungsoptionen sich durchsetzen. Die inneren Impulse, die bei Entscheidungen den Ausschlag geben entstammen drei Bereichen, nämlich erstens dem Bereich der biologisch bedingten Impulse, zweitens dem Bereich der erlernten Verhaltensweisen und drittens jenen Impulsen, die aus geistigen Prozessen, d.h. eigenen Überlegungen, hervorgegangen sind. Unabhängig davon, aus welcher Ebene die Impulse stammen, sie müssen stets den Höchstwertdurchlass passieren, um wirksam werden zu können. (S. 766)

Eine entscheidende Voraussetzung für eine gelingende Gewissensentscheidung ist die Verfügbarkeit von ausreichendem relevantem Wissen und die hinreichende Kontrolle jener Faktoren, die geeignet sind, das Gewissen zu betäuben. (S. 767) Zu diesen Faktoren kann, wie H. an einem äußerst nationalistischen und eher NS-freundlichen Zitat von Theodor Heuß aus dem Jahre 1938 illustriert, der Zeitgeist gehören. Der Zeitgeist kann sich stark auf das auswirken, was als Forderung des Gewissen empfunden wird. (S. 768) Aus der Sicht der biologischen Anthropologie sind es aber vor allem folgende vier Faktoren, die eine betäubende Wirkung auf das Gewissen haben: die Gruppenaggression (aggressive Gruppenstimmung, rauschhaftes Gemeinschaftsgefühl etc.) die allgemeine angstbedingte Denkhemmung, die spezielle angstbedingte Denkhemmung und der Mangel des Kindes an empathischen Vorbildern und eine fehlende Partnerschaft (Bindung) zwischen Erwachsenen und Kindern bei der Ausbildung der kindlichen Gefühlswelt. (S. 768ff.)

Gelingende Gewissensentscheidungen sind ferner davon abhängig, dass die person nicht von einem pathologischen Gewissenszwang gequält wird. Beispiel: Kinder fühlen sich schuldig an der Scheidung ihrer Eltern. Schließlich bedarf es der Einsicht, dass es unauflösliche moralische Dilemmata geben kann, in denen eine richtige Entscheidung unmöglich ist.

Untersuchungen über die Gewissensstruktur der Retter in der Hitlerzeit (Samuel Oliner, Altruistic Personality: Rescuers Of Jews In Nazi Europe; M. Hunt, Das Rätsel der Nächstenliebe, Frankfurt 1992) zeigen, dass die Bereitschaft zur Hilfeleistung auch unter Inkaufnahme eigener Risiken weniger eine Folge hohen Selbstwertgefühls oder einer starken ethisch-religiösen Einstellung ist. Die Retter erlebten vielmehr Lob der Eltern für gutes und freundliches Verhalten, hatten ein enges Verhältnis zu einem mitfühlenden Elternteil, hatten mitfühlende Beziehungen über die Familie hinaus und ein starkes Bewusstsein der eigenen Selbstwirksamkeit. (S. 772)